Wird das familiäre Brustkrebs-Risiko überschätzt?
[26.11.2008] Frauen, in deren Familie bereits Frauen an Brustkrebs erkrankt sind, weisen ein erhöhtes Risiko auf, selbst einen bösen Tumor in der Brust zu entwickeln. Dieses Risiko ist aber geringer, als vielfach angenommen wird. Zu diesem Ergebnis kommen niederländische Forscher.
Geetruida de Bock und ihr Team von der niederländischen Universität Leiden veröffentlichten ihre Forschungsergebnisse kürzlich in der online-Zeitschrift BMC-Cancer. Die Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Brustkrebs-Familiengeschichte nur wenig über das Brustkrebsrisiko junger Frauen aussagt.
De Bock und ihre Kollegen hatten zwischen 1996 und 2002 die Daten von Frauen ausgewertet, deren Schwester zwischen 1996 und 2002 an einer Brustkrebserkrankung oder einer Brustkrebsvorstufe – einem sogenannten DCIS – erkrankt worden war. Diese Daten wurden im Rahmen der PROSPECT-Studie erhoben, einer großangelegten Untersuchung, an der der Gesundheitszustand von mehr als 17.000 Frauen in den Niederlanden über einen längeren Zeitraum beobachtet wird. Insgesamt waren die Daten von 1987 Frauen vorhanden, bei denen eine Schwester bereits an Brustkrebs oder einer -vorstufe erkrankt war. Die Forscher werteten aus, bei wie vielen dieser 1987 Frauen ebenfalls ein Brustkrebs diagnostiziert worden war und wie alt die Betroffenen bei der Diagnose waren.
Die Auswertung ergab, dass der Vorhersage-Wert einer familiären Brustkrebsbelastung bei Frauen unter 30 Jahren nur 1 Prozent betrug, bei den Frauen unter 50 Jahren waren es 11 Prozent und bei den Frauen unter 70 Jahren 13 Prozent.
"Diese Zahlen sind weitaus geringer als die meisten Frauen erwarten", betont de Bock. Die Berücksichtigung der familiären Brustkrebsbelastung führt dazu, dass viele Frauen gescreent werden, die keinen Brustkrebs in frühen Jahren bekommen werden. Angesichts der psychologischen Belastungen durch die häufigen Vorsorgechecks sollte nach stringenteren Kriterien für das frühe Screening gesucht werden. Die Forscher empfehlen, mithilfe der Studiendaten die möglicherweise übergroßen Sorgen betroffener Frauen abzumildern.
Betroffenen sollten Risiko und sinnvolle Früherkennung mit ihrem Arzt besprechen
Die gemeinnützige US-Brustkrebs-Organisation „Breastcancer.org“ kommentiert die Studienergebnisse auf ihrer Internetseite www.breastcancer.org. Sie betont, dass es unbestritten ist, dass Brustkrebs-Fälle bei Verwandten ersten Grades wie Mutter oder Schwester das eigene Brustkrebs-Risiko erhöhen. Es könne sein, dass dieses Risiko gerade bezüglich des frühzeitigen Auftretens von Brustkrebs – also einer Erkrankung bei Frauen unter 50 Jahren – überschätzt werde und dass eventuell zu früh und zu viel gescreent werde. Allerdings sei es verständlich, weibliche Angehörige von Brustkrebs-Patientinnen ein großes Interesse daran haben, einen eigenen Brustkrebs – sollte er sich denn entwickeln – so früh wie möglich zu entdecken. Welche Früherkennungs-Untersuchungen in welchen Zeitabständen dann sinnvoll sind, kann nur individuell zusammen mit dem Arzt geklärt werden. Denn bei der Einschätzung, wie hoch das eigene Risiko ist, müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Dazu zählen: Alter der bereits an Brustkrebs erkrankten Verwandten, Art und Aggressivität der aufgetretenen Brustkrebserkrankung, mögliche familiäre Vorgeschichte bezüglich des Vorliegens von Brustkrebs-Genen sowie Fälle von Eierstockkrebs-Krebs in der eigenen Familie.
Wo Risikopatientinnen sich Rat holen können
Auch Professorin Rita Schmutzler, Leiterin des Schwerpunktzentrums für familiären Brust- und Eierstockkrebs an der Universität Köln, weist daraufhin, dass bei den in der PROSPECT-Studie untersuchten Frauen ein mittelmäßig erhöhtes Brustkrebs-Risiko vorlag. Frauen hingegen, in deren Familie tatsächlich Veränderungen in den sogenannten Brustkrebs-Genen BRCA1 und 2 nachgewiesen wurde, haben ein hohes Risiko einen Brustkrebs zu entwickeln.
„Diesen Hochrisiko-Patienten bieten wir heute verschiedene Möglichkeiten an: Entweder engmaschige Untersuchungen, um mögliche Tumoren frühzeitig zu entdecken, oder die vorsorgliche Entfernung von Brust- oder Eierstockgewebe,“ erklärt Schmutzler. Diese vorsorglichen Operationen werden jedoch von weniger als fünf Prozent der Betroffenen in Anspruch genommen. Der größte Teil der Risiko-Patienten entscheidet sich für ein engmaschige Früherkennungsprogramm.
Frauen, bei denen gehäuft Brustkrebs in der Familie auftritt, und die abklären möchten, wie hoch tatsächlich ihr persönliches Risiko ist, können sich hierzulande in zwölf universitären Zentren beraten lassen. „Die Hälfte der Ratsuchenden können wir bereits im Erstgespräch beruhigen“, erläutert Schmutzler. „Wenn wir anhand der Stammbaum-Analyse sehen, dass es sich nur um eine zufällige Häufung von Krebsfällen in der Familie handelt, entlassen wir die Menschen in die reguläre Krebs-Früherkennung.“ Wenn sich jedoch der Verdacht erhärtet, dass in der Familie eine Gen-Veränderung vererbt wird, erfolgen weitere Beratungen und medizinische Untersuchungen. Eine Liste der zwölf Schwerpunktzentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs der Deutschen Krebshilfe finden Interessierte hier.
Quellen:
De Bock GH et al. A family history of breast cancer will not predict female early onset breast cancer in a population-based setting; BMC Cancer 2008, 8:203 doi:10.1186/1471-2407-8-203
www.breastcancer.org
Gespräch mit Frau Professorin Rita Schmutzler am 28.10.2008
Pressemitteilung der Deutschen Krebsgesellschaft „Versorgung von Brustkrebs-Risikofamilien gesichert“ vom 17.03.2005
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