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Brustkrebsexpertin empfiehlt: ab 40 regelmäßig zur Mammographie

[06.11.2004]  Wenn Brustkrebs frühzeitig erkannt und behandelt wird, liegen die Heilungs-Chancen bei 90 Prozent. Mit Frau Prof. Dr. Ingrid Schreer, Radiologin und Leiterin des Mammazentrums am Universitätsklinikum Kiel, sprachen wir über die heutigen Möglichkeiten der Früherkennung, Qualitätsstandards, laufende Modellprojekte und darüber, wie Frauen eine Praxis/Klinik finden können, in der eine qualitativ gute Früherkennung durchgeführt wird. Frau Prof. Schreer ist Expertin für Brustkrebsfrüherkennung. Für ihr vielfältiges Engagement zur besseren medizinischen Versorgung von Frauen wurde sie 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

 

Stürmer: Frau Prof. Schreer, wenn Brustkrebs frühzeitig erkannt und behandelt wird, liegen die Chancen bei 90 Prozent. Was ist mit „frühzeitig“ gemeint?
Schreer
: Damit sind Tumoren gemeint, die maximal eine Größe von einem Zentimeter haben. Denn in diesem frühen Stadium überleben 90 Prozent der Betroffenen mehr als 20 Jahre. Aber auch bei Tumoren bis zwei Zentimeter Größe haben die Patientinnen eine 20-Jahres-Überlebensrate von über 70 Prozent.

Stürmer: Wie kann man sicherstellen, dass diese Tumoren früh entdeckt werden?
Schreer:
Nur durch den regelmäßigen Einsatz der Mammographie. Denn im Frühstadium sind diese Tumoren häufig noch nicht tastbar, da sie zu klein sind. Zur Tastmethode muss also eine andere Untersuchungsmethode dazukommen. Und die beste Methode der Brustkrebs-Früherkennung ist nach wie vor die Mammographie.

Stürmer: Wie oft sollte eine Frau zur Mammographie gehen?
Schreer:
Ich teile die Meinung der Amerikaner: Frauen ab 40 sollten alle ein bis zwei Jahre zur Mammographie gehen ohne eine Altersbegrenzung nach oben. Ab 60/65 reicht es in der Regel, alle zwei Jahre eine Mammographie zu machen. Dieses Vorgehen würde ich jeder Frau mit Normalrisiko empfehlen.
Allerdings kann es auch bei einer über 60-Jährigen Gründe geben, eine jährliche Mammographie zu empfehlen, beispielsweise, wenn sehr dichtes Drüsengewebe vorliegt. Liegen dazu noch Risikofaktoren vor, kann eine Mammographie häufiger durchgeführt werden, auch schon bei jüngeren Frauen sinnvoll sein oder mit anderen Untersuchungsmethoden kombiniert werden.

Stürmer: Bis zu welchem Lebensalter empfehlen Sie das Mammographie-Screening?
Schreer:
Das hängt vom Gesundheitszustand der Frau ab. Auch die älteren Frauen profitieren ohne Zweifel von der Früherkennung. Wenn zum Beispiel bei einer 70jährigen Frau, die fit ist, ein Brustkrebs früh erkannt wird, hat diese Frau eine Überlebens-Chance von weiteren 15 Jahren.
Deshalb wird auch in anderen europäischen Ländern die Altersgrenze nach oben gesetzt. Bei den Schweden liegt sie in einzelnen Regionen bei 75 Jahren. Auch Holland will die Altersgrenze nach oben setzten und zwar auf 74 Jahre. Selbst die Engländer, die so wenig Geld in ihrem Gesundheitssystem haben, überlegen jetzt ernsthaft, ob sie die bislang bestehende Altersgrenze von 64 Jahren - was viel zu wenig ist! – auf 69 erweitern.

Stürmer: Bezüglich der Mammographie gibt es unter Frauen Ängste, dass die Strahlenbelastung zu hoch sei. Sind diese Ängste berechtigt?
Schreer:
Nein. Zur Strahlenbelastung gibt es Fakten, die zeigen, dass die Belastung vom Alter abhängt. Je älter die Frau ist, desto strahlenunempfindlicher ist ihr Brustgewebe. Wir wissen, dass Frauen in Hiroshima und Nagasaki, die beim Atombombenabwurf über 40 Jahre und älter waren, nicht mehr solide Tumoren bekommen haben verglichen mit der Normalbevölkerung. Trotz der massiven Strahlenbelastung, der diese Frauen ausgesetzt waren! Das bedeutet im Klartext: Ab 40 Jahre überwiegt der Nutzen und dieser Nutzen nimmt mit zunehmendem Alter weiter zu. Hat eine Frau ein erhöhtes Brustkrebsrisiko, kann der Nutzen das Risiko der Strahlenbelastung natürlich auch schon im Alter unter 40 rechtfertigen.

Stürmer: In Deutschland soll eine Reihenuntersuchung - das Mammographie-Screening - bis Ende 2005 für alle Frauen zwischen 50 - 69 Jahren eingeführt werden. Frauen in diesem Alter erhalten dann alle zwei Jahre eine Einladung zum Screening. Befürworten Sie dieses Programm?
Schreer:
Auf jeden Fall. Frauen, die im Rahmen dieses Screening-Programms eine Mammographie machen lassen, können sicher sein, dass die Qualität stimmt. Das Fachpersonal ist geschult, die Geräte sind technisch auf dem neuesten Stand. Die Daten werden vernünftig erhoben und ausgewertet.

Stürmer: Sie haben ein Modellvorhaben „QuaMaDi“ ins Leben gerufen. Dieses Kürzel steht für „Qualitätsgesicherte Mammadiagnostik“. Was verbirgt sich dahinter?
Schreer:
QuaMaDi ist ein Qualitätssicherungsprogramm bei medizinisch begründeten Brustkrebs-Untersuchungen. Das Programm wurde 2001 gestartet und läuft bis 2006. Und zwar in der K.E.R.N.-Region, die die Städte Kiel, Neumünster und die Kreise Rendsburg-Eckernförde und Plön umfasst.

Stürmer: Welche Frauen nehmen daran teil und was beinhaltet das Programm?
Schreer:
Alle Frauen, bei denen aufgrund eines Verdachts eine Mammographie gemacht werden soll, werden über QuaMaDi informiert und können sich aussuchen, ob sie daran teilnehmen möchten oder nicht. Nimmt eine Frau teil, bekommt sie eine Mammographie, die technisch einem sehr hohen Standard entspricht und automatisch doppelbefundet wird. Das heißt, dass die Röntgenbilder von zwei Ärzten beurteilt werden. Stimmen die Befunde dieser Ärzte nicht überein, wird durch das Mammazentrum der Universität Kiel eine Drittbefundung durchgeführt. Außerdem werden alle Daten komplett dokumentiert und ausgewertet.
Im Gegensatz zum Screening-Programm werden also bei QuaMaDi nicht alle Frauen einer bestimmten Altersstufe eingeladen, sondern es nehmen nur Frauen teil, bei denen ein Verdacht vorliegt. Das können neu aufgetretene Schmerzen sein, ein Knoten oder auch eine Veränderung an der Brustwarze. Dabei spielt das Alter keine Rolle. Umfassende Informationen zu QuaMaDi befinden sich auf der Homepage www.quamadi.de.

Stürmer: Welche Praxen nehmen an QuaMaDi teil?
Schreer:
Am QuaMaDi können nur Praxen teilnehmen, die bereit sind, viel zu investieren - an Geräten, Zeit für die aufwendigen Dokumentationen und für die monatlichen Trainings. Denn wer Brustkrebs früh erkennen will, muss viele Röntgenbilder mit kleinsten Tumoren sehen, damit er ein Gespür dafür bekommt, wie Brustkrebs im Frühstadium aussieht. Und das trainieren wir regelmäßig mit den teilnehmenden Ärzten.

Stürmer: Welche Praxen erfüllen diese Voraussetzungen?
Schreer:
Es gibt eine ganze Reihe von teilnehmenden Praxen. Eine Liste ist auf unserer Homepage vorhanden (Anmerkung der Redaktion: Die Adresse lautet www.quamadi.de).

Stürmer: Warum ist die Dokumentation so wichtig?
Schreer:
Die Aufbewahrung und Auswertung aller Daten ist extrem wichtig, denn nur so kann man die Unterschiede aufzeigen. Etwas Neues soll ja immer besser sein als das Bisherige. Aber das muss man auch beweisen können. In Schleswig-Holstein hatten wir ein Krebsregister mit den Ausgangsdaten, das zeigte, wie viele Brusttumoren in welchem Stadium bislang bei Verdachtsfällen gefunden wurden.
Nach drei Jahren Laufzeit von QuaMaDi konnten wir eine Zwischenauswertung machen und unsere QuaMaDi-Daten mit den bisherigen Daten des Krebsregisters vergleichen.

Stürmer: Was hat die Zwischenauswertung ergeben?
Schreer:
Unsere erste Bilanz nach drei Jahren Laufzeit hat sehr gute Ergebnisse gezeigt. Bislang konnten 50 Prozent der Brusttumoren, die mithilfe der Mammographie entdeckt wurden, im Frühstadium - also bis maximal zwei Zentimeter Größe - diagnostiziert werden. Im Rahmen von QuaMaDi konnte die Rate dieser kleinen Tumoren auf 70 Prozent gesteigert werden.
Logisch ist, dass wir gleichzeitig mit QuaMaDi die Rate der größeren Tumoren zwischen 2 und 5 cm reduziert haben – und zwar um ein Viertel. Parallel dazu haben wir die Rate der Brustkarzinome, bei denen noch keine Lymphknoten befallen sind, um 12 Prozent gesteigert. Und das innerhalb von zwei Jahren.

Stürmer: Gibt es Bestrebungen QuaMaDi auf andere Regionen auszudehnen?
Schreer: Ja, mit den Erfolgszahlen von QuaMaDi haben wir die Krankenkassen - die Geldgeber - überzeugen können. Wir hoffen, dass wir bis Ende 2004 die Verhandlungen dahingehend abgeschlossen haben, dass alle Frauen in Schleswig-Holstein QuaMaDi nutzen können.

Stürmer: Frauen, die im Rahmen von Modellprojekten zum Mammographie-Screening oder im Rahmen von QuaMaDi eine Mammographie machen lassen, können sicher sein, dass die Untersuchung und Befundung eine hohe Qualität besitzt. Wie finden Frauen, die an diesen Modellprojekten nicht teilnehmen können, eine „gute“ Praxis oder Klinik für eine Mammographie?
Schreer: Die Frauen müssen sich informieren, wo die Spezialisten sitzen. Theoretisch könnten die Frauen auch ihren Frauenarzt fragen, aber das ist nicht so zuverlässig. Denn es könnte sein, dass der Arzt eine Praxis aufgrund einer freundschaftlichen Verbindung empfiehlt und dabei leider weniger die Ergebnisqualität im Auge hat.
Frauen können erkundigen, ob es ein Brustzentrum in ihrer Nähe gibt, dass von der Deutschen Gesellschaft für Senologie und der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde. Dieses Zertifikat gibt es seit zirka zwei Jahren. Bislang haben 49 Brustzentren den Zertifizierungsprozess erfolgreich abgeschlossen. Auf der Homepage der Gesellschaft für Senologie gibt es eine Liste der Zentren (Anmerkung der Redaktion: Die Adresse lautet www.senologie.org/brustzentren_zentren.html).
Weitere 60 Zentren haben die Zertifizierung beantragt. Wir gehen davon aus, dass wir Ende des Jahres in Deutschland etwa 100 zertifizierte Zentren haben. Diese Zentren werden zwar für die Brustkrebs-Behandlung zertifiziert, aber sind natürlich auch geeignete Anlaufstellen für eine gute Früherkennung.

Frau Prof. Schreer, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Sabine Stürmer/Medizinjournalistin am 14.09.2004. Die Redaktion weist darauf hin, dass in Interviews die persönliche Meinung des Interviewpartners/der Interviewpartnerin wiedergegeben wird. Diese Meinung muss nicht unbedingt die Meinung der GABG e.V. und/oder der Redaktion sein.


 

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