„Was kann mir Besseres passieren?“
[18.12.2004] Frankfurt. 23. November 2004. Auf einer Pressekonferenz informierten Krebsexperten über den aktuellen Stand des IBIS-II-Programms in Deutschland. Auch zwei Studienteilnehmerinnen waren anwesend. Sie gaben sehr offen Auskunft über ihr Risiko und darüber, was sie bewogen hat, am Programm teilzunehmen.
Sieglinde Haass nimmt am DCIS-Studienarm teil. DCIS ist die Abkürzung für „duktales Carcinoma in situ", einer Krebsvorstufe in den Milchgängen der Brust. Frau Haass erhält in der Studie über fünf Jahre entweder das altbekannte Antihormon Tamoxifen oder das neuere Antihormon Anastrozol. Aus wissenschaftlichen Gründen ist das Studienmedikament verblindet. Das bedeutet, dass weder die Patientin noch ihr Arzt wissen, welches Medikament sie bekommt.
Presse: Warum nehmen Sie an der Studie teil?
Sieglinde Haass: Weil ich von Brustkrebs betroffen bin. Bei mir wurde ein DCIS festgestellt. Ich hatte am 01. Juli eine Operation. Nach dieser Operation hat mich mein Arzt über die Studie aufgeklärt und ich denke, eine bessere Kontrolle kann ich gar nicht haben.
Presse: Wie sind Sie aufgeklärt worden?
Sieglinde Haass: Ich bin im Mammazentrum Kiel operiert wurden und bin auch dort sehr ausführlich von Herrn Dr. Maass über die Studie informiert worden. Dann habe ich mir noch Informationen aus dem Internet heruntergeladen. Die sorgfältigen Früherkennungsuntersuchungen geben mir ein großes Gefühl der Sicherheit.
Presse: Wenn Sie nicht teilnehmen würden, welche Maßnahmen wären dann erfolgt?
Sieglinde Haass: Ich denke, dass ich sowieso ein Antihormon bekommen hätte und regelmäßig vom Gynäkologen untersucht worden wäre. In der Studie werden zusätzlich noch regelmäßig die Knochendichte und das Blut untersucht.
Presse: Nehmen Sie das Medikament schon ein? Falls ja, wie geht es Ihnen?
Sieglinde Haass: Ich nehme seit September das Medikament und habe überhaupt keine Nebenwirkungen.
Presse: Gab´s mal einen Moment, wo sie ein ungutes Gefühl hatten, dass sie jetzt auch noch Medikamente nehmen?
Sieglinde Haass: Nein, ich nehme diese Medikamente, weil sie mir Sicherheit geben. Das ist für mich das Wichtigste. Und zudem werde ich zehn Jahre lang extrem gut betreut. Darüber hinaus lebe ich gesund, ich achte auf meine Ernährung und treibe Sport.
Presse: Ist Brustkrebs erst ein Thema, wenn man selber betroffen ist?
Sieglinde Haass: Ja, bei mir persönlich war das so. Erst, als bei mir selber der Krebs entdeckt wurde, habe ich mir richtig Gedanken gemacht.
Sabine Hopf nimmt am Präventions-Studienarm teil, der für gesunde Frauen mit einem erhöhten Brustkrebs-Risiko bestimmt ist. In der Studie erhält sie verblindet über fünf Jahre entweder das moderne Antihormon Anastrozol oder ein Scheinmedikament, ein so genanntes Plazebo.
Presse: Sie sind nicht betroffen und nehmen trotzdem teil?
Sabine Hopf: Ja, ich bin nicht Patientin, ich bin noch gesund. Aber ich gehöre zu den Risikofrauen. Meine Mutter war bereits 90 Jahre alt, als der Brustkrebs entdeckt wurde. Meine Schwester erkrankte mit 45 an Brustkrebs. Jetzt bin ich auf der Hut!
Presse: Schreckt Sie das nicht ab, dass Sie eventuell zur Vorbeugung ein Medikament einnehmen müssen?
Sabine Hopf: Nein. Mir ist wichtig, dass ich zehn Jahre lang an Früherkennungsuntersuchungen teilnehme, die von Fachleuten durchgeführt werden und dadurch ein Krebs - sofern er denn kommen sollte - früh und rechtzeitig entdeckt wird.
Presse: Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt, dass sie regelmäßig untersucht werden?
Sabine Hopf: Das ist für mich ganz wichtig. Als gesunde Frau schiebt man gerne Vorsorgeuntersuchungen raus. In der Studie werde ich immer zu den Kontrolluntersuchungen aufgefordert. Da kann ich nicht entwischen. Und ich werde von Spezialisten untersucht, das ist mir sehr wichtig.
Presse: Im Präventions-Teil erhält eine Hälfte der Teilnehmerin Anastrozol, die andere Hälfte ein Plazebo, ein Scheinmedikament. Was ist, wenn Sie Plazebo erhalten?
Sabine Hopf: Auch im Plazeboarm profitiere ich von der Studie. Auch dann nehme ich an einem optimalen Früherkennungsprogramm teil. Außerdem weiß ich, dass die Plazebokontrolle sein muss, damit die Studie wissenschaftlich anerkannt wird. Und wenn wir jetzt diese Studie durchführen und sich die Erwartungen erfüllen, dann sind die Frauen der nächsten Generation besser dran. Die können dann sicher sein, dass sie ihr Brustkrebsrisiko um X-Prozent senken können, indem sie Tamoxifen oder Anastrozol einnehmen.
Presse: Nehmen Sie schon die Tabletten ein?
Sabine Hopf: Bei mir laufen noch die notwendigen Voruntersuchungen. Wenn diese abgeschlossen sind, erhalte ich das Medikament.
Presse: Das Ganze ist natürlich eine stramm wissenschaftlich angelegte Studie, wir haben viele Fachwörter hier gehört. Beruhigt Sie das, dass Sie nun in sehr wissenschaftlichen Händen sind oder macht das ein bisschen Angst?
Sabine Hopf: Nein, es beruhigt mich schon, dass ich in wissenschaftlichen Händen bin. Ein großer Vorteil für mich sind diese zehn Jahre beste Früherkennung. Ich bin jetzt 59 Jahre, ich werde nun zehn Jahre lang sorgfältig kontrolliert, dann bin ich 69. Was kann mir Besseres passieren? Ich weiß Bescheid über die Nebenwirkungen, die auftreten könnten. Die halte ich nicht für sehr gravierend. Schlimmstenfalls - falls ich Nebenwirkungen habe, die mich sehr belasten - kann ich aus der Studie aussteigen.
Presse: Glauben Sie, dass Frauen, die sich über diese Studie informieren, so interessiert sind, dass sie sich um eine Teilnahme bemühen?
Sabine Hopf: Ja, das glaube ich. Wer sich informiert, erfährt, dass jede zehnte Frau an Brustkrebs erkrankt. Frauen, die um diese Gefahr und die Risikofaktoren wissen, sind bestimmt solchen Studien gegenüber aufgeschlossen.
Sabine Stürmer/Medizinjournalistin
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