Jede vierte Frau würde eine vorsorgliche Amputation beider Brüste in Betracht ziehen, um Brustkrebsrisiko zu senken
[15.06.2005] London, 13. Juni 2005. Heute wurden die Ergebnisse einer internationalen Umfrage zum Thema Brustkrebs veröffentlicht. Gesunde Frauen wurden befragt, ob sie sich vor einer Brustkrebserkrankung sorgen und welche Maßnahmen sie in Betracht ziehen würden, um ihr Brustkrebsrisiko zu senken. Das Ergebnis: In Deutschland würde jede vierte Frau im Falle eines erhöhten Brustkrebsrisikos erwägen, sich vorsorglich ihre Brüste amputieren zu lassen. Eine Alternative zu so einem radikalen Schritt könnte die Vorbeugung mit einem modernen Brustkrebsmedikament darstellen. Diese Möglichkeit wird derzeit im weltweiten IBIS-II-Programm untersucht.
Die Umfrage an den mehr als 1.500 Befragten im Alter über 45 zeigt, dass Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko ein starkes Bedürfnis haben, ihr Risiko zu senken. Nahezu die Hälfte der Frauen sorgt sich vor einer Brustkrebserkrankung. Bei den Frauen, die in Australien und England befragt wurden, war der Wunsch nach einer Risikosenkung besonders dringend: In diesen Ländern würde jede dritte Frau im Falle eines erhöhten Brustkrebsrisikos eine Amputation beider Brüste erwägen – und zwar vorsorglich, also ohne überhaupt an Brustkrebs erkrankt zu sein. Aber auch in Deutschland kommt dieser radikale Schritt für jede Vierte in Frage.
„Diese wichtigen Umfrageergebnisse stellen eine große Herausforderung weltweit für die Verantwortlichen der Gesundheitssysteme dar. Die Tatsache, dass Frauen erwägen, ihr Brustkrebsrisiko mithilfe einer vorsorglichen Amputation beider Brüste zu senken, zeigt uns, wie wichtig es ist, diesen Frauen weniger radikale, aber effektive Alternativen anzubieten“, kommentierte Professor Dr. Wolfgang Eiermann, Direktor der Frauenklinik vom Roten Kreuz in München, die Daten der Umfrage. „Wir als Krebsexperten müssen nicht nur Brustkrebs-Patientinnen die wirksamsten Therapien anbieten, sondern wir müssen uns auch darum kümmern, Maßnahmen zu entdecken und zu erforschen, mit denen wir bei gesunden Frauen die Gefahr einer Brustkrebserkrankung abwenden können.“
Medikamentöse Vorbeugung mit dem modernen Brustkrebsmedikament Anastrozol
Im laufenden IBIS-II-Programm wird geprüft, wie wirksam eine Antihormontherapie mit dem etablierten Krebsmedikament Anastrozol das Brustkrebsrisiko reduzieren kann. Grundlage für das Programm sind die überaus positiven Ergebnisse der so genannten ATAC-(Arimidex, Tamoxifen Alone or in Combination)-Studie, die vor kurzem abgeschlossen und publiziert wurde. Diese Daten lassen vermuten, dass der Wirkstoff Anastrozol das Potenzial hat, bis zu 80% der hormonsensiblen Brusttumoren zu verhindern. Experten schätzen, dass jedes Jahr weltweit 1,2 Millionen Frauen die Diagnose Brustkrebs erhalten und über 400.000 Frauen an dem bösartigen Tumor sterben.
Prof. Manfred Kaufmann Professor Dr. Manfred Kaufmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik in Frankfurt am Main und Studienleiter der IBIS-II Studie in Deutschland, erklärte: “In der ATAC-Studie haben wir herausgefunden, dass Anastrozol sehr effektiv einen Brustkrebsrückfall - ein sogenanntes Rezidiv - verhindert. Sogar noch wirksamer schützt Anastrozol die andere noch nicht betroffene Brust vor einem Krebsbefall! Diese Ergebnisse und sein gutes Verträglichkeitsprofil machen Anastrozol zu einem geeigneten Kandidaten für die Brustkrebsvorbeugung bei gesunden Frauen.“
Jede Zweite würde bei einem erhöhten Brustkrebsrisiko eine Vorbeugung mit Tabletten erwägen
Für fast jede zweite Umfrageteilnehmerin kam im Falle eines erhöhten Risikos eine tägliche Tabletteneinnahme zur Brustkrebs-Vorbeugung in Frage. Außerdem gab die Hälfte der Frauen an, Interesse an einer Studie zu haben, in dessen Rahmen ein solches Medikament untersucht wird.
Das laufende IBIS-II-Programm bietet Frauen weltweit die Möglichkeit einer Studienteilnahme. Das Programm wird Fragen zur medikamentösen Vorbeugung klären und somit dazu beitragen, dass Frauen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko in Zukunft die Wahl haben, zwischen verschiedenen vorbeugenden Maßnahmen zu entscheiden anstatt nur die Wahl der Brustamputation zu haben.
PD Dr. Gunter von Minckwitz „Das IBIS-II-Programm ist gerade für Frauen, die ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben, extrem wichtig“, erläuterte Privatdozent Dr. Gunter von Minckwitz, Universitätsfrauenklinik Frankfurt am Main. „Es ist von großer Bedeutung, dass Frauen an dieser Untersuchung teilnehmen - nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern auch zum Nutzen ihrer Töchter, ihrer Familie und aller anderen Frauen auf der ganzen Welt. Viele Menschen nehmen bereits vorsorglich Medikamente ein, um eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall zu verhindern. Das IBIS-II-Programm untersucht, ob nicht auch die Gefahr einer Brustkrebserkrankung mit Hilfe einer medikamentösen Therapie erfolgreich abgewehrt werden kann.“
Nähere Informationen zum IBIS-II-Programm unter www.brustkrebsvorbeugen.de
Das IBIS-II-Programm läuft derzeit in 25 Ländern weltweit. Untersucht wird, welchen Stellenwert das moderne Brustkrebsmedikament Anastrozol bei der Vorbeugung bösartiger Brusttumoren einnimmt. Anastrozol wirkt, indem es die Produktion von Östrogen blockiert, einem Hormon, das bei vielen Brustkrebspatientinnen das Krebswachstum antreibt. Weltweit können 10.000 Frauen an dem IBIS-II-Programm teilnehmen. Voraussetzungen für eine Teilnahme sind: Alter zwischen 40 und 70, Abschluss der Wechseljahre, keine Hormonersatztherapie, Brustkrebsfälle in der Familie sowie weitere Risikofaktoren.
In Deutschland nehmen derzeit über 50 Kliniken und Praxen am IBIS-II-Programm teil. Organisator hierzulande ist die GAB, eine deutsche Studiengruppe, die speziell Untersuchungen zum Thema Brustkrebs durchführt. Ihr Ziel ist es, die Vorbeugung und Behandlung von Brustkrebs zu verbessern. Auf der Internetseite www.brustkrebsvorbeugen.de informiert die GBG ausführlich über Brustkrebs und das IBIS-II-Programm. Dort befindet sich auch eine Liste der deutschen Prüfzentren mit Adressen und Telefonnummern. Frauen, die die Voraussetzungen für das IBIS-II-Programm erfüllen und Interesse an einer Teilnahme haben, können so direkt Kontakt zu dem nächstgelegenen Prüfzentrum aufnehmen. Weitere Informationen zum Thema Brustkrebs sind unter www.brust-bewusst.de und www.mammakarzinom-info.de zu finden.
Quellen:
1. NOP World, April 2005
2. ATAC Trialists' Group. Results of the ATAC (Arimidex, Tamoxifen, Alone or in Combination) trial after completion of 5 years' adjuvant treatment for breast cancer. Lancet 2005, 365 (9453): 60-62.
3. J. Ferlay, F. Bray, P. Pisani and D.M. Parkin. GLOBOCAN 2002: Cancer Incidence, Mortality and Prevalence Worldwide. IARC CancerBase No. 5. version 2.0, IARCPress, Lyon, 2004.
Informationen zur Umfrage:
• Die Umfrage wurde im April 2005 von NOP World, einem internationalen Marktforschungsunternehmen, durchgeführt. Insgesamt wurden Frauen in den folgenden sechs Ländern per Telefon befragt: Australien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Italien und Großbritannien.
Informationen zum IBIS-II-Programm:
• Das Internationale IBIS-II-Programm (IBIS = International Breast Cancer Intervention Study, frei übersetzt bedeutet dies „Internationale Studie gegen Brustkrebs“) untersucht die Brustkrebsprävention mit dem modernen Brustkrebsmedikament Anastrozol bei gesunden Frauen (geplant sind 10.000 Studienteilnehmerinnen) nach den Wechseljahren (Alter: 40-70 Jahre), die ein erhöhtes Brustkrebsrisiko aufweisen.
• Das IBIS-II-Programm läuft bereits und nimmt in den nächsten 4-6 Jahren Studienteilnehmerinnen auf.
• Das Design des IBIS-II-Programms ist randomisiert, doppelblind und plazebokontrolliert.
• Das Programm ist in zwei Gruppen unterteilt:
I. Am Präventionsarm sollen insgesamt 6.000 Frauen nach den Wechseljahren mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko teilnehmen. Frauen, die an der Studie teilnehmen möchten, müssen abhängig vom Alter eine bestimmte Anzahl von Risikofaktoren aufweisen. Generell kommt der Präventionsarm für Frauen in Betracht, die zwischen 40 und 70 Jahre alt sind, keine Hormonersatztherapie einnehmen und deren Familie von Brustkrebs betroffen ist. Um den vorbeugenden Effekt von Anastrozol abschätzen zu können, erhalten 3.000 Studienteilnehmerinnen zusätzlich zu engmaschigen Früherkennungs-Maßnahmen 5 Jahre lang Anastrozol, während 3.000 Frauen die gleichen Früherkennungs-Maßnahmen erhalten, aber nicht zusätzlich medikamentös behandelt werden, sondern Plazebo erhalten.
II. Am zweiten Behandlungsarm des Programms sollen 4.000 Frauen teilnehmen, bei denen bereits eine Brustkrebsvorstufe - ein sogenanntes „duktales Karzinom in situ ( DCIS)“ - festgestellt und operativ entfernt wurde. Ein DCIS besteht aus veränderten Zellen in einem Milchgang, ist aber noch nicht in das umgebende Brustgewebe eingedrungen. Bei den betroffenen Frauen besteht ein erhöhtes Risiko fortgeschrittenere Brustkrebsformen sowie neue Tumoren in der zweiten Brust zu entwickeln. In dieser Behandlungsgruppe wird die Wirksamkeit der beiden Brustkrebsmedikamente Anastrozol und Tamoxifen bezüglich der Prävention neuer Tumoren - in der bereits von DCIS betroffenen und in der zweiten Brust - untersucht.
• Cancer Research UK organisiert die Durchführung des IBIS-II-Programms. Cancer Research UK ist einer der wichtigsten Wohltätigkeitsorganisationen der Welt für die Erforschung der Ursachen, Behandlung und Prävention von Krebs. Sponsor des IBIS-II-Programms ist die Queen-Mary-Universität in London.
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