„Zeit ist das Wichtigste!“
[19.06.2006] Das sagen Dr. Stefanie Schleider/Universitätsfrauenklinik Kiel und Prof. Wolfgang Eiermann/Rotkreuz Klinik München, die als Prüfärzte bislang über dreißig Frauen in Einzelgesprächen über die IBIS-II Studie informiert haben. Medizinjournalistin Sabine Stürmer sprach mit beiden Ärzten über diese so genannten Aufklärungsgespräche.Stürmer: Frau Dr. Schleider, Herr Prof. Eiermann, wie viele Frauen nehmen in Kiel und in München an der IBIS-II Studie teil?

Schleider: In Kiel nehmen 9 DCIS -Patientinnen und 4 Frauen an der Präventions -Gruppe der Studie teil.
Eiermann: In München sind es 8 DCIS-Patientinnen, die in die Studie aufgenommen wurden.
Stürmer: Warum wird zwischen DCIS und Prävention unterschieden?
Eiermann: Die Behandlung ist unterschiedlich. Mit DCIS bezeichnen wir eine Krebsvorstufe. Die Patientinnen, bei denen bereits ein DCIS entfernt wurde, erhalten, um das Rückfall-Risiko zu senken, entweder den Aromatasehemmer Anastrozol oder das Antiöstrogen Tamoxifen.
Prävention kann man mit „Vorbeugung“ übersetzten. Die Frauen, die gesund sind, aber ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben und deshalb der Präventions-Gruppe zugeordnet werden, erhalten entweder den Aromatasehemmer oder ein Scheinmedikament - ein Plazebo .
Schleider: Die Studie wird auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau durchgeführt, deshalb erfolgt die Zuteilung der Frauen auf die verschiedenen Therapieformen nach dem Zufallsverfahren. Und die Behandlung ist doppelblind, d. h., dass weder Arzt noch Studienteilnehmer wissen, welche Therapie die jeweilige Frau erhält.
Stürmer: Wie reagieren die Frauen der Präventions-Gruppe darauf, dass sie eventuell ein Plazebo bekommen?
Eiermann: Es gibt Frauen, für die das ein Problem ist und die deshalb nicht an der Studie teilnehmen. Wir Experten sind ja selber davon überzeugt, dass die Vorbeugung mit Anastrozol diesen Frauen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko etwas bringt. Dann verständlich zu machen, dass es aus wissenschaftlichen Gründen notwendig ist, dass ein Teil der Frauen Plazebo erhält, ist nicht einfach.
Schleider: Bei den Frauen, mit denen ich gesprochen habe, habe ich dieses Problem bislang noch nicht erlebt. Vielleicht liegt das daran, dass in Kiel die Frauen zuvor in unserer Tumorrisiko-Sprechstunde beraten werden und dort schon sehr viele Informationen erhalten.
Stürmer: Woher erfahren die Frauen von der Studie?
Schleider: Unsere Studienteilnehmerinnen sind zum Teil Patientinnen, die wegen eines DCIS in der Klinik behandelt wurden und denen wir im Abschlussgespräch von der Möglichkeit der Studienteilnahme erzählen. Zum anderen sind es Frauen, die zu unserer Tumorrisikosprechstunde gekommen sind, weil bei ihnen in der Familie Brustkrebs gehäuft auftritt. Falls diese Frauen ein erhöhtes Risiko haben, werden sie auf die Studie aufmerksam gemacht.
Eiermann: Auch unsere DCIS-Patientinnen wurden zuvor in München behandelt und haben durch uns von der Studie erfahren.
Stürmer: Wenn eine Frau über Presseartikel oder durch das Internet von der Studie liest und sich informieren möchte, was soll sie tun?
Eiermann: Wenn sie in der Nähe von München wohnt, kann sich die Frau zunächst telefonisch unter Tel. 089/ 1570- 6620 oder 1570-6021 an uns wenden und einen Termin für unsere Sprechstunde vereinbaren. Dort klären wir ab, ob sie tatsächlich die Aufnahmekriterien für die IBIS-II Studie erfüllt. Falls die Frau tatsächlich geeignet ist, führt einer meiner Mitarbeiter oder ich dann das Aufklärungsgespräch.
Schleider: In Kiel können sich interessierte Frauen unter der Telefonnummer 0431/5972171 an das Informationszentrum wenden. Dort beantwortet Frau Stiens Fragen zur IBIS-II Studie. Oder die Frauen melden sich in der Tumorrisikosprechstunde bei Schwester Renate Hamann unter Tel. 0431/5972077 an. Falls die Voraussetzungen für die Studie erfüllt werden, führt ein Studienarzt dann das Aufklärungsgespräch.
S. Stürmer: Wie lange dauert ein Aufklärungsgespräch?
Eiermann: Ungefähr eine halbe Stunde.
Schleider: Ja, eine halbe Stunde dauert es bestimmt.
S. Stürmer: Entscheiden sich dann die Frauen sofort?
Eiermann: Nein. Es gibt einen Aufklärungsbogen, in dem noch einmal schriftlich und in leicht verständlicher Form alles Wichtige über die Studie erläutert ist. Diesen Bogen bekommt die Frau mit nach Hause. Dort kann sie sich noch einmal alles in Ruhe durchlesen, bevor sie sich endgültig entscheidet.
Schleider: Ich habe einige Frauen erlebt, die sich sofort für eine Studienteilnahme entschieden haben. Andere möchten sich erst noch einmal in Ruhe die Informationsblätter zu Hause durchlesen. Manchmal entstehen dann noch neue Fragen, die wir bei einem zweiten Termin oder am Telefon beantworten.
S. Stürmer: Aus welchen Gründen wird eine Teilnahme abgelehnt?
Eiermann: Wie schon erwähnt, gibt es in der Präventions-Gruppe Frauen, die wegen der möglichen Plazebo-Einnahme nicht teilnehmen möchten. In der DCIS-Gruppe gibt es Patientinnen, die wegen der Tamoxifen-Nebenwirkungen eine Studienteilnahme ablehnen. Da Tamoxifen nicht so gut vertragen wird wie Anastrozol, möchten diese Frauen auf jeden Fall den Aromatasehemmer haben.
Schleider: Bislang habe ich persönlich es noch nicht erlebt, dass eine Frau die Studienteilnahme ablehnt. Die meisten DCIS-Patientinnen stehen der Studie sehr aufgeschlossen gegenüber und sind froh, dass ihnen mit der Studie eine vorbeugende Behandlung angeboten wird. Die Frauen, die die Voraussetzungen für die Teilnahme an der Präventions-Gruppe erfüllen, wurden bereits zuvor in der Tumorrisikosprechstunde sehr gut informiert. Die meisten möchten gerne etwas in puncto Vorbeugung tun und stehen ebenfalls der Studie sehr aufgeschlossen gegenüber.
S. Stürmer: Haben die Frauen, die ein erhöhtes Risiko haben und dann der Plazebo-Gruppe zugeordnet werden, denn überhaupt einen Nutzen?
Eiermann: Ja, sie erhalten eine perfekte Früherkennung.
Schleider: Ich habe immer den Eindruck, dass es für die Frauen eine große Rolle spielt, dass sie hier in der Universitätsfrauenklinik auf jeden Fall gut betreut werden und insbesondere eine sehr sorgfältige Früherkennung erhalten. Egal, ob sie den Aromatasehemmer oder Plazebo erhalten. Das ist den Frauen, die ja meist schon Brustkrebs in der eigenen Familie erlebt haben, sehr wichtig.
S. Stürmer: Hat es in München oder Kiel schon Frauen gegeben, die die Studie abgebrochen haben?
Eiermann: Nein, bislang noch nicht.
Schleider: In Kiel hat es noch keine Studienabbrüche gegeben.
S. Stürmer: Haben Sie noch einen Tipp für Ihre Kollegen, die auch Aufklärungsgespräche führen?
Eiermann: Das Wichtigste ist, dass sie sich für die Frauen Zeit nehmen. In Bezug auf die Nebenwirkungen sollte man die Fakten erklären. Also nicht nur die möglichen Nebenwirkungen aufzählen, sondern auch genau erklären, wie ihre Ausprägung ist und vor allem wie häufig sie auftreten. Wenn die mögliche Studienteilnehmerin zum Beispiel weiß, dass eine bestimmte Nebenwirkung nur leicht ist und überhaupt nur bei 4 Prozent der Behandelten auftritt, dann relativiert sich das Ganze. Die Frauen müssen Bescheid wissen.
Schleider : Ja, ich finde auch, dass es ganz entscheidend ist, dass man sich viel Zeit nimmt. Mir machen die Studiendurchführung und auch die Aufklärungsgespräche Spaß, denn mit dem IBIS-II Programm kann ich den Patientinnen oder Frauen etwas anbieten, was Sie außerhalb der Studie im Regelfall noch nicht erhalten können.
Die Redaktion weist darauf hin, dass in Interviews die persönliche Meinung des Interviewpartners/der Interviewpartnerin wiedergegeben wird. Diese Meinung muss nicht unbedingt die Meinung der GBG und/oder der Redaktion sein.
Quelle:
Interviews mit Prof. Wolfgang Eiermann/Ärztlicher Direktor der Frauenklinik vom Roten Kreuz und Dr. Stefanie Schleider/Ärztin der Universitätsfrauenklinik Kiel am 18.05.2006
Hinweis
Aufgrund fehlender Finanzmittel wird diese Seite zur Zeit nicht mehr aktiv gepflegt. Der aktuelle Stand bleibt zu Ihrer Information erhalten


