Wie können sich Frauen vor Brustkrebs schützen?
[01.10.2007] Welche vorbeugenden Maßnahmen können Frauen ergreifen, bei denen ein hohes Brustkrebsrisiko besteht? Auf dem diesjährigen Senologiekongress informierten Experten über die Möglichkeiten der Vorbeugung – im Fachjargon „Prävention“.
Der Kongress rund um das Thema „Brustkrebs“ fand in diesem Jahr in Lübeck statt. Rund 2000 Mediziner diskutierten neue Entwicklungen in Diagnose, Therapie und Vorbeugung. In der Sitzung „Operative und medikamentöse Prävention des Mammakarzinoms“ ging es darum, wie mittels Operation, Medikamenten und gesundem Lebensstil das persönliche Brustkrebsrisiko gesenkt werden kann.
Effektivste Maßnahme: operative Prävention
Im ersten Vortrag ging es um die Brustamputation, also die operative Entfernung der Brüste. Sie stellt die effektivste Maßnahme zur Brustkrebsvorbeugung dar: Das Risiko kann um 90-98% verringert werden. „Selbstverständlich kommt dieser drastische Eingriff nur für bestimmte Frauen in Frage,“ erklärte Dr. Carolin Nestle-Krämling von der Uniklinik Düsseldorf in ihrem Vortrag. Dazu zählen vor allem junge Frauen mit einem hohen Brustkrebsrisiko, deren eigene Familienplanung bereits abgeschlossen ist und in deren Familie bereits mehrere Brustkrebsfälle aufgetreten sind. Diese Frauen weisen häufig Veränderungen in bestimmten „Brustkrebs-Genen“ auf, sind also erblich vorbelastet. Frauen hingegen, die ihr eigenes Risiko als eher gering einschätzen, ein großes Vertrauen in eine intensivierte Früherkennung haben, Angst vor seelischen und körperlichen Problemen nach dem Eingriff haben, sollten sich ihre Brust nicht vorsorglich abnehmen lassen.
Wird eine Amputation vorgenommen, kann in der gleichen Operation ein Wiederaufbau der Brust erfolgen. Der Wiederaufbau kann mittels Prothese (meist aus Silikon), Eigengewebe aus Bauch oder Gesäß oder durch kombinierte Verfahren mit Prothese und Eigengewebe, beispielsweise Haut aus dem Rücken und Prothese als Volumenersatz, erfolgen. Der Wiederaufbau kann aber auch später in einer getrennten Operation vorgenommen werden. Nestle-Krämling zeigte Daten aus der Düsseldorfer Uniklinik von 30 Frauen, die sich vorsorglich die Brust amputieren ließen. Von diesen Frauen entschieden sich 18 für einen sofortigen und 4 für einen späteren Wiederaufbau, während 8 Frauen keine Rekonstruktion vornehmen ließen.
Medikamentöse Prävention mit Antihormonen
Derzeit gibt es drei Wirkstoffe - Tamoxifen, Raloxifen und Anastrozol - die für eine medikamentöse Vorbeugung in Betracht kommen, berichtete Dr. Dirk Bauerschlag vom Universitätsklinikum Kiel im anschließenden Vortrag.
Für Tamoxifen wurde eine präventive Wirkung bei Frauen vor und nach den Wechseljahren um etwa 50 Prozent bereits 1998 im Breast Cancer Prevention Trial belegt. Wie aktuellen Daten der IBIS-I-Studie zeigen, verringert das Antiöstrogen bei gesunden Frauen das Risiko, an einem hormonsensitiven Brustkrebs zu erkranken, um 34 Prozent. An der IBIS-I-Studie nahmen 7.145 Frauen teil. Die Teilnehmerinnen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko nahmen fünf Jahre lang entweder Tamoxifen oder ein Scheinmedikament (Placebo) ein. In den folgenden acht Jahren erkrankten 142 der Frauen, die Tamoxifen erhalten hatten, an Brustkrebs. In der Placebo-Gruppe waren es 195 Frauen. Der vorbeugende Effekt des Tamoxifens hält auch noch mindestens acht Jahre an, nachdem die Frauen aufgehört haben, das Medikament einzunehmen. Allerdings kann die Vorbeugung mit Tamoxifen während der fünfjährigen Behandlungsphase mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein. Dazu gehören die Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) sowie Änderungen an der Gebärmutterschleimhaut, wodurch sowohl gutartige als auch bösartige Tumoren entstehen können wie auch das gehäufte Auftreten von Katarakten (Grauer Star). Allerdings scheinen fast alle der schweren Medikamenten-Nebenwirkungen nach Beendigung der Behandlung seltener aufzutreten. Tamoxifen ist nur in den USA zur Brustkrebsprävention zugelassen.
Raloxifen weniger wirksam bei Brustkrebsvorstufen, aber verträglicher
Das Antiöstrogen Raloxifen ist in der Brustkrebs-Prävention gleich gut wirksam wie Tamoxifen, allerdings senkt Tamoxifen deutlich stärker - nämlich um die Hälfte - das Risiko für die gutartigen Brustkrebsvorstufen LCIS und DCIS, wie die STAR-Studie zeigte, die die präventive Wirkung von Raloxifen und Tamoxifen bei rund 20.000 Frauen nach den Wechseljahren mit erhöhtem Brustkrebsrisiko untersuchte. Die Auswertung ergab, dass beide Antiöstrogene das Brustkrebsrisiko in etwa halbieren, also gewissermaßen normalisieren, während Raloxifen sich bei der Vorbeugung der Brustkrebsvorstufen als unwirksam erwies: Von den 9.726 Frauen unter Tamoxifen entwickelten 57 ein LCIS oder DCIS, während es im Raloxifen-Arm 81 von 9.745 Frauen und damit 40 Prozent mehr waren.
Vorteil von Raloxifen war hingegen die bessere Verträglichkeit, da verglichen mit Tamoxifen weniger Thrombosen, bösartige Veränderungen an der Gebärmutterschleimhaut und Katarakte auftraten. Raloxifen ist nicht zur Brustkrebsprävention, sondern zur Behandlung und Prävention der Osteoporose zugelassen.
Hoffnungsträger: der Aromatasehemmer Anastrozol
Der Aromatasehemmer Anastrozol verhindert noch effektiver als Tamoxifen bei Brustkrebs-Patientinnen die Entwicklung eines bösartigen Brusttumors in der noch nicht vom Brustkrebs befallenen Brust. In der ATAC-Studie betrug die Risikoreduktion 51%. Zudem ist Anastrozol deutlich besser verträglich als Tamoxifen. Deshalb liegt es nahe, die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Aromatasehemmers in der Brustkrebsprävention zu untersuchen. Das aktuell laufende IBIS-II-Programm überprüft die Wirksamkeit von Anastrozol gegenüber Tamoxifen bzw. Placebo bei Frauen nach den Wechseljahren mit erhöhtem Brustkrebsrisiko. Der Vergleich gegenüber Tamoxifen findet bei Frauen statt, bei denen zuvor eine Brustkrebsvorstufe behandelt wurde. Bei gesunden Frauen mit anderen Brustkrebs-Risikofaktoren wird die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Aromatasehemmers mit Placebo verglichen. Die ersten Ergebnisse der Studien werden 2010 erwartet. Der Aromatasehemmer Anastrozol ist zur Brustkrebstherapie, aber nicht zur Prävention zugelassen.
Fazit: medikamentöse Prävention bei erhöhtem Risiko möglich
Zusammenfassend zog Bauernschlag das Fazit, dass die Vorbeugung mit Medikamenten möglich ist. Dabei kann mithilfe der Wirkstoffe Tamoxifen, Raloxifen und vermutlich auch Anastrozol das Risiko für hormonsensitive Tumoren deutlich gesenkt werden. „Vor Augen halten muss man sich dabei immer, dass wir gesunde Frauen behandeln“, so Bauerschlag. „Das Nebenwirkungsrisiko muss offen angesprochen und diskutiert werden.“ Deshalb werde sich vermutlich die medikamentöse Prävention auf Frauen mit erhöhtem Risiko, beispielsweise nach Brustkrebsvorstufen, beschränken. Dieses Vorgehen spiegelt sich auch in den Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) wieder. Demnach wird Tamoxifen in der Brustkrebs- und DCIS-Prävention bei Frauen über 35 Jahren empfohlen, während Raloxifen zur Brustkrebs-Risikominderung bei Frauen nach den Wechseljahren in Frage kommt. Anastrozol ist aufgrund des noch laufenden IBIS-II-Programms bislang mit keiner Empfehlung ausgestattet.
Neue molekulare Ansätze zur Prävention werden untersucht
Im dritten Vortrag „Medikamentöse Prävention – molekulare Ansätze“ stellte Prof. Elmar Stickeler von der Universitätsfrauenklinik in Freiburg dar, welche neuen Behandlungsprinzipien auf molekularer Ebene bezüglich der Brustkrebsvorbeugung derzeit untersucht werden. Dabei wird das zunehmende Wissen darüber genutzt, wann und warum Zellen entarten. Bezüglich der Brustkrebsprävention gibt es einige Ansätze, die bereits in kleineren Studien ermutigende Ergebnisse brachten. Dazu gehören die Tyrosinkinaseblocker Gefitinib und Erlotinib. Diese Wirkstoffe hemmen die Wachstumssignale, die die Krebszellen zur fortwährenden Teilung antreiben. Sie wurden in zwei kleinen Studien bei Frauen untersucht, bei denen bereits ein DCIS entdeckt worden war. Der Aromatasehemmer Letrozol wurde bei Frauen mit hohem Brustkrebsrisiko unter einer Hormonersatztherapie untersucht. Ferner gibt es Hinweise darauf, dass Statine (Cholesterinsenker) und COX2-Hemmer (Rheumamedikamente) das Brustkrebsrisiko senken. Derzeit werden weitere Studien mit den verschiedenen molekularen Ansätzen durchgeführt. Sie müssen überprüfen, ob diese Wirkstoffe in der Brustkrebs-Vorbeugung tatsächlich wirksam sind und auch, welche Behandlungsdauer sinnvoll und notwendig ist.
Lifestyle: Übergewicht und fettreiche Ernährung
Im letzten Vortrag der Sitzung erläuterte Prof. Bernd Gerber von der Universitätsfrauenklinik in Rostock, welchen Einfluss eine gesunde Lebensweise auf das Brustkrebsrisiko hat. Schätzungen gehen davon aus, durch 6% aller Krebserkrankungen in Europa allein aufgrund von Übergewicht entstehen, darunter auch 12.800 Brustkrebserkrankungen. In den USA sind es sogar 20% (40.000 Brustkrebserkrankungen). Die amerikanische „Nurses Health Study“, die seit über 30 Jahren die Ernährung und Krebserkrankungen bei rund 20.000 Krankenschwestern erfasst, hat allerdings keinen Zusammenhang ergeben bzgl. der Brustkrebsrate und der Gesamtfettmenge, dem Verhältnis ungesättigte/gesättigte Fettsäuren und der Herkunft der Fette. Es gibt Hinweise darauf, dass regelmäßiger Verzehr von Olivenöl einen schützenden Effekt hat, während der häufige Verzehr von tierischen Fetten in der Prämenopause anscheinend das Brustkrebsrisiko erhöht.
Phytoöstrogene, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente
Phytoöstrogenen (enthalten u.a. in Sojaprodukten, Getreide, Obst und Gemüse) wurde bereits oft ein schützender Effekt zugeschrieben. Als Argument wird angeführt, dass Asiatinnen seltener an Brustkrebs erkranken, was an der sojareichen Ernährung liege. Allerdings konnte in einer Gesamtauswertung von 18 Untersuchungen zu diesem Thema kein erhöhter Schutz vor Brustkrebs nachgewiesen werden. „Möglicherweise muss Soja in sehr großen Mengen und von Kindesalter an zur täglichen Nahrung gehören, um einen schützenden Effekt bewirken zu können, wie wir ihn in Asien beobachten,“ erklärte Gerber. Vermutlich bietet auch der häufige Verzehr von Obst und Gemüse keinen Schutz vor Brustkrebs, obwohl dieses immer wieder behauptet wird. Fakt ist, dass in einer Auswertung von 8 Langzeitstudien mit rund 350.000 Frauen und 7000 Brustkrebsfällen kein schützender Effekt gefunden werden konnte. Dennoch empfahl Gerber eine obst- und gemüsereiche Ernährung, da die Gefahr eines Übergewichts geringer sei und auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Gelenkerkrankungen seltener auftreten würden.
Eine erhöhte Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen scheint auch keinen schützenden Effekt vor Brustkrebs zu haben. In einer Langzeitstudie (Womens Health Study) mit rund 40.000 Frauen wurde der Effekt von Vitamin A/Retinoiden untersucht. In der anderen Studie wurde bei rund 36.000 Teilnehmerinnen die Gabe von Calcium + Vitamin D geprüft. Beide Untersuchungen ergaben „ernüchternde“ Ergebnisse: In der Gruppe der Frauen, die regelmäßig Vitamine bzw. Mineralstoffe eingenommen hatten, trat genauso häufig Brustkrebs auf wie in der Vergleichsgruppe, die Plazebo erhalten hatten.
Alkohol, Rauchen, Stress, Hormone, mangelnde Bewegung und andere Lifestyle-Faktoren
Häufiger Alkoholgenuss erhöht das Brustkrebsrisiko, da beim Abbau im Körper „oxidativer Stress“ entsteht, der vermutlich zur Folge hat, dass sich der Abbau von schädigenden Radikalen verzögert. Alkohol erhöht u.a. die Durchlässigkeit der Zellwand und den Östrogengehalt im Serum und hat somit eine Reihe von indirekten Effekten, die letztendlich zu einem erhöhten Brustkrebsrisiko führen. Rauchen und vermutlich auch das Passiv-Rauchen erhöhen das Brustkrebsrisiko. Bislang durchgeführte Untersuchungen zum Passiv-Rauchen haben allerdings widersprüchliche Ergebnisse ergeben, sind aber auch schwer durchführbar, da allein das Ausmaß des Passiv-Rauchens nur unzuverlässig geschätzt werden kann.
Extremer Stress, der beispielsweise durch einen Todesfall in der Familie, Verlust des Partners oder eines Kindes ausgelöst wird, wird immer wieder als Krebsauslöser diskutiert. Allerdings konnten stichhaltige Beweise bislang nicht erbracht werden.
Regelmäßige körperliche Bewegung kann das Brustkrebsrisiko senken, allerdings nur, wenn kein Übergewicht vorliegt und die Betreffende mindestens 5 Std. wöchentlich sportlich aktiv ist.
Auch die körpereigene Hormonproduktion wirkt sich auf das Brustkrebsrisiko auf. Frauen, die bereits sehr jung ihre erste Menstruation haben, kinderlos bleiben und spät in die Wechseljahre kommen, sind besonders lange der Östrogenwirkung ausgesetzt und weisen dadurch ein höheres Brustkrebsrisiko auf. Eine Hormonersatztherapie erhöht ebenfalls das Risiko und sollte deshalb nur bei starken Wechseljahresbeschwerden über einen möglichst begrenzten Zeitraum eingenommen werden.
Ob andere Lifestyle-Faktoren wie Nachtschichtarbeit, radioaktive Strahlung, Elektrosmog, Abgase, magnetische Felder usw. das Brustkrebsrisiko erhöhen, wird immer wieder diskutiert. „Aber es gibt keine gesicherten Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren und einem erhöhten Auftreten von Brustkrebs,“ erklärte Gerber und wies darauf hin, dass entsprechende Untersuchungen äußerst schwierig durchzuführen seien.
Fazit: Durch gesunde Lebensweise kleiner Beitrag zum Schutz vor Brustkrebs möglich
Gerber zog abschließend das Fazit, dass Frauen möglichst auf Folgendes achten sollten: gesunde Ernährung, Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Vermeidung von Stress und Umweltschadstoffen sowie ausreichende körperliche Bewegung. „Wenn Sie das alles berücksichtigen und ein normales Körpergewicht einhalten, dann leisten Sie selbst einen kleinen, aber doch aktiven Beitrag zum Schutz vor Brustkrebs,“ beendete Gerber seinen Vortrag.
Quelle:
Sitzung „Operative und medikamentöse Prävention des Mammakarzinoms“ am 22.06.2007 auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS)/Lübeck
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